Menschenleben gegeneinander aufrechnen

Im Zusammenhang mit dem Versuch, per Gesetz den Abschuss eines von Terroristen gesteuerten Passagierflugzeugs kurz vor dessen Ziel zu ermöglichen, um den Tod von Unschuldigen (zusätzlich zu dem der Passagiere) zu verhindern, wurde unter anderem gesagt, dass in keinem Fall Menschenleben gegeneinander aufgerechnet oder abgewogen werden dürften. Also hier etwa die Rettung von Menschen in einem Hochhaus (oder einem Stadion) gegen die Verkürzung um Sekunden bis Minuten der Rest-Lebenszeit der Flugzeug-Passagiere. Darüber ist nicht zu verfügen.

Das erinnert mich an die (konstruierte aber mögliche) Situation, von der ich einmal gehört habe: Ein Diensthabender in einem Stellwerk an einem Ablaufberg zum Sortieren von Eisenbahnwagen sieht Kinder einer Schulklasse auf dem Gleis, auf dem ein rollender Wagen weiterrollen soll. Er hat aber noch die Möglichkeit, eine Weiche so zu stellen, dass der Wagen auf ein anderes Gleis geleitet wird. Dort aber entdeckt er einen arbeitenden alten Mann. Darf er die Weiche stellen, weil er den Mann für nicht so wichtig hält wie die Kinder-Gruppe? Die Antwort wäre wohl: Nein, die Hand vom Hebel lassen! Aber ich wüsste wohl, was ich impulsiv vermutlich täte. – Wenn man nun mal nicht berücksichtigt, welche Vorstellungen da im Einzelnen hineinspielen (wie vielleicht die Hoffnung, dass der Alte eher als die ganze Gruppe noch rechtzeitig etwas merkt): Mal angenommen, nach der Tat wäre immer noch etwas Zeit, den Fehler zu bemerken und zu korrigieren: Dann dürfte man aber nach dem Prinzip, dass der Hebel nun mal so steht wie er steht und man da nichts zu entscheiden hat, ihn auch nicht mehr zurücklegen. Oder vielleicht doch, da man nicht neu Menschenleben gegeneinander abwägt, sondern nur einen Fehler korrigiert?

Das betrifft wohl die Frage, inwieweit (in der in Rede stehenden Situation) der Unterschied zwischen einem technischen Handeln und dem Unterlassen dieses Handelns allein zu verschiedenen Bewertungen einer damit verbundenen Entscheidung führen kann. Also im Fall des von Terroristen gesteuerten Flugzeugs: Angenommen, dass das Flugzeug infolge einer Störung in einer Minute abzustürzen droht, aber eine Hilfe vom Boden aus die Ausführung des terroristischen Vorhabens doch noch ermöglichen könnte, so dass die Passagiere wenige Minuten länger zu leben hätten bis um Erreichen des Ziels der Terroristen. Ist dann dieses Beheben geboten? Falls nicht, wird dann hier wie im obigen einfachen Beispiel die moralische Bewertung vom technischen Aufwand abhängig gemacht, der mit der Entscheidung verbunden ist. Das “Aktivere” ist jeweils verboten?

Die Maxime für eine Situation, in der jede Entscheidung mit einem Verlust von Leben unschuldiger Menschen verbunden wäre, ist dann anscheinend: Die Handlung zu wählen, die den kleinsten Aufwand kostet. -

Eigentlich hatte ich die Abschuss-Problematik nur als Aufhänger zur schnellen Darbietung einer Einzel-Frage nutzen wollen. Kann mir nun aber nicht verkneifen, die Beachtung einer gerade per Suchmaschine gefundenen Arbeit zu empfehlen, in der wesentliche weitere Aspekte dazu detailliert dargeboten werden: http://miami.uni-muenster.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-4529/diss_dessauer.pdf

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